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Über die Jagd nach Träumen, den alpinistischen Fingerabdruck und den Verlust eines Kameraden

Der Himmel leuchtet rot und die bereits kalte Herbstluft beißt an meinen Ohren und Fingern, als ich mich allein mit dem Fahrrad auf den Weg Richtung Säulinghaus mache. Ich trage zwei schwere Rucksäcke mit mir - einen auf dem Rücken und einen auf dem Herzen. Beide haben denselben Grund - mein Tourenpartner fehlt.

An diesem 31. Oktober starte ich allein zu einer Erstbegehung, die ich meinem verstorbenen Kameraden Elias widmen möchte.

Ich möchte ihm diese Klettertour widmen, zum einen, weil ich es für eine passende Geste halte, um einen Alpinisten zu verewigen und zum anderen, weil ich mit Elias viele Erstbegehrungs- und Abenteuerpläne hatte. Außerdem habe ich sehr viel von seiner Persönlichkeit und seiner Lebenseinstellung gehalten, weshalb ich auf diesem Wege den Wiederholern und jedem der mit diesem Denkmal in Kontakt kommt die Inspiration mitgeben möchte, die mir Elias gegeben hat. Elias hat seine Träume gelebt und nicht sein Leben geträumt. Er hat viele Einstellungen und Eigenschaften mitgebracht, um diesen Lebensstil zur Realität machen zu können. Er hat ein Lebensstil gelebt, der unsere Welt zu einem besseren Ort machen kann, und deshalb als Vorbild genommen werden sollte.




Der alpinistische Fingerabdruck


Ich denke viele Alpinisten träumen davon in den Bergen verewigt zu sein. Das ist ja zumindest für uns Erstbegeher auch ein Stück weit was uns antreibt - etwas zu erschaffen oder zu erreichen, was als Alleinstellungsmerkmal für uns dient. Und sehr wichtig, man hinterlässt mit diesem Alleinstellungsmerkmal seine Visitenkarte, wenn man so will seinen alpinistischen Fingerabdruck. Deshalb habe ich mir zu Elias und zu mir passend eine Wand ausgesucht. Anspruchsvoll, sehr reizvoll und in Elias' Heimat, was rundum seinen Ansprüchen entsprochen hätte. Die Wand bricht nordwestlich des kleinen Säulings ab und hängt zum größten Teil anhaltend über. Sie liegt direkt dem Ausläufer der Säuling Südwestwand gegenüber und bildet mit diesem eine Schlucht am Wandfuß. In der Wand befindet sich bereits eine alte Technoroute, die moderneren Touren verlaufen alle durch den geneigten Teil des westseitiger ausgerichteten Wandteils etwas weiter rechts. Ich habe die Wand vor zwei Jahren bei der Begehung der von Pat Schwarzmann sanierten "Direkten Südwestwand" entdeckt. Eine Begehung der Wand hat mich sofort gereizt da der Fels sehr kompakt, aber auch sehr löchrig aussieht.

Diese Wand alleine erst zu begehen ist zu zugegebenermaßen ein sehr hochgestecktes Ziel. Umso passender für den Hintergrund. Denn Elias hatte eine Lieblings-Phrase. "Dicke Bretter bohra!" Definitiv ein Teil des persönlichen Fingerabdrucks eines ehrgeizigen Alpinisten und Abenteuers.

Der Erfolg bei großen Zielen kommt allerdings nicht einfach. Dazu gehört gute Vorbereitung viel Geduld und vor allem massives Durchhaltevermögen. Umso leichter fällt es mir im Zustieg bei dem Gedanken an Elias' Durchhaltevermögen trotz das äußerst schweren Rucksacks einfach immer weiter zu radeln, Höhenmeter um Höhenmeter, Kilometer um Kilometer.


Das Abenteuer Solo Erstbegehung – Tag 1


Nach einer Stunde komme ich an der letzten Quelle an, fülle mein Wasser auf und radle die letzten 5 Minuten zum Fahrraddepot. Nach einem etwas mühsamen Aufstieg zum Wandfuß bin ich erst einmal sehr skeptisch. Der komplette Wandfuß wirkt recht brüchig, genauso wie die Rinne die zu selbigen führt. Am Wandfuß selbst angekommen stelle ich fest, dass die Trauben hier hochhängen. Sehr überhängend, sehr kompakt, und zwischendurch immer wieder brüchig. Allerdings finden sich ganz am Ende der Schlucht einige Meter Wandfuß, die bei genauem Hinsehen nicht nur nicht brüchig, sondern äußerst interessant zu klettern wirken. Eine Lochwand wie wir sie normalerweise nur aus dem Dolomiten kennen. Dieser Teil ist nicht mal wirklich überhängend. Danach geht es aber umso steiler weiter.

Lange schaue ich mir die Wand an und entscheide ich schließlich auf Nummer sicher zu gehen, sowohl was die Verletzungsgefahr angeht als auch was den Erfolg der Linienführung betrifft. Um auszuschließen, dass ich in eine Sackgasse klettere, entschließe ich mich erst einmal durch die Wand abzuseilen. Also deponiere ich alles Material, das ich nicht brauche und trage nur das Nötigste über den verfallenen Gamssteig auf den kleinen Säulen. Anspruchsvoll, aber die richtige Entscheidung, wie sich noch herausstellen sollte. Als ich nach einer kleinen Gipfelpause von oben in die Wand abseile, wird nochmal eindrücklich klar, wie stark überhängend die Wand ist. Ich muss mehrmals Sicherungen anbringen, sowohl Klemmgeräte, als auch Arbeitshaken, damit ich nicht zu weit von der Wand wegpendle. Der Fels den ich in der Wand finden ist hervorragend! Zwischen ein paar splittrigen Zonen hat die Natur mal wieder ganze Arbeit geleistet – fest, rau und stark strukturiert – ein Traum! Zwar kostet mich der große Abseilaufwand den restlichen Tag, aber nun kann ich eine sinnvolle und lohnende Kletterlinie abschätzen und bin darüber hinaus begeistert und hochmotiviert auf den nächsten. Pünktlich mit dem letzten Licht verlässt mich die Kraft für den Tag. Und ich mache mich auf den Weg ins Tal.


Die Linie nimmt Form an – Tag 2


Am zweiten Tag bestätigt sich, dass die Trauben hier wirklich hochhängen. Trotz Fixseil brauche ich abermals das ganze Tageslicht auf, bis ich die erste Länge vollendet habe. Die Schwierigkeit ist etwas leichter als gedacht, der Fels ist noch viel besser als erhofft, aber die Kletterei ist trickreich, nicht einfach zu lesen aber sehr lohnend.

Nach Tag 2 brauche ich eine Erholungspause.


Ein weiterer Tag, eine weitere Seillänge – Tag 3


Also kehre ich erst einige Tage später erholt zurück, um die zweite Länge zu erklimmen. Die Klettererei auch hier wieder sehr sehr tricky und auch etwas schwerer. Ich brauche einige Versuche doch am Ende bin ich hellauf begeistert von den Bewegungen in diesem grandiosen Fels. Die dritte Länge passt auch noch in diesen Tag, und so hänge ich am Nachmittag mitten in der Wand genieße das Ambiente und denke über Elias nach…das hätte ihm bestimmt gefallen. Er hatte immer genug Begeisterung übrig, um auch in etwas zu schweren Projekten den Willen und den Mut nicht zu verlieren. Ein Ziel und Begeisterung, das sind wohl die Zutaten für das Rezept für Durchhaltevermögen.


Die Motivation schlägt jegliche Anstrengung – Tag 4


Was auch immer es ist, ich stehe nach wenigen Tagen das vierte und letzte Mal am Parkplatz des Säulinghauses. Selbst das frühe Aufstehen ist erstaunlicherweise kein Problem für mich. Der Zustieg mit dem schweren Rucksack strengt mich immer weniger an. Dranbleiben rentiert sich also wirklich!

Für die letzten beiden Seillängen seile ich noch mal von oben in die Wand. Im Ausstieg liegt schon etwas Schnee, doch das ist Dank der Steilheit kein Problem. Die vorletzte Länge ist noch mal ein Hammer. Überhängend, facettenreich mit Abwechslung und gutem Fels - einfach genial! Mit einem Erfolgserlebnis, aber noch nicht ganz fertig Seile ich an diesem letzten Erschließungstag zum Wandfuß ab. Am ersten Tag habe ich hier noch recht skeptisch die Wand hinaufgeblickt, doch jetzt steckt schon viel Herzblut im Projekt. Und die große Motivation reißt auch nicht ab.


Jetzt wird geklettert! – die Rotpunktbegehung


So komme ich am 15. November noch ein letztes Mal an die Wand, zwei Tage vor dem ersten Schnee und dem Wintereinbruch, um die Route Rotpunkt zu klettern – natürlich auch Rope-Solo.

Nach der Erholungswoche sitze ich also abermals am Wandfuß. Bevor ich einsteige, bastle ich noch am Wandbuch – ein Andenken an Elias und seine Werte für alle Wiederholer: Sei mutig und verfolg deine Träume, und zwar mit Durchhaltvermögen. Dann geht es ans Klettern.

Der erste Teil, die Lochwand ist immer noch schwerer, als es ausschaut, dafür geht die Schlüsselstelle mit ein bisschen lang machen einigermaßen einfach. Die zweite Länge ist, was den Schwierigkeitsgrad angeht, wie vermutet die Schlüssellänge. Etwas schwer zu lesen, aber vom Anfang bis zum Ende aber einfach nur schön. Selbst der einfache Verbindungsquergang in der dritten Länge birgt bei der richtigen Linienwahl Kletterei in feinstem Fels. Die vierte Länge ist auch im Durchstieg noch mal eine richtige Herausforderung. Aber abgesehen von der Variante – einem schwierigen Boulder – ist der Überhang danke der großen Henkel leichter als er aussieht.

Als ich das Wandbuch am vorletzten Stand der Tour festmache, durchströmt mich Zufriedenheit.


Eine würdige Tour für einen vorbildlichen Lebenskünstler


Das ist wirklich eine sehr würdige Tour in Elias‘ Namen. Ich nenne sie „Elias Feineler – Folge deinem Herzen“. Als Appell für alle, denn meiner Meinung nach ist es das einzige richtige, um im Leben wirklich glücklich zu werden. Elias hat das gelebt, was er schließlich traurigerweise mit seinem Leben bezahlen musste, aber ich bin mir sicher er hat keine Sekunde davon bereut. Und zu den Gefahren des Alpinismus: der Unfalltod ist nun mal ein Teil davon, aber was der Alpinismus zurückgibt, ist viel größer! Und wer immer sicher sein will, muss eher aufpassen, dass man das Leben vor lauter Überleben nicht verpasst.


Fazit und Infos zur Wand und zur Tour:


Der Zustieg ist kurz, aber zur Wand hin technisch nicht ganz anspruchslos. Vom Parkplatz des Säulinghauses geht es zuerst mit dem Rad, dann zu Fuss zur gleichnamigen Berggaststätte, dann über das Schuttfeld zum höchsten Punkt und der folgenden Rinne unter der Nordwestwand des kleinen Säulings. In der Rinne ist Trittsicherheit gefragt. Der Einstieg befindet sich an der Lochplatte am Ende der Schlucht über der kurzen Rinne. Die Tour hat aller meistens hervorragenden Fels, kompakt, wasserzerfressen, griffig. Es handelt sich um eine Sportkletterroute, sowohl was die Absicherung als auch den Charakter angeht. Die Kletterlänge beträgt lediglich 150 Meter, allerdings ist fast jeder Meter anstrengend. Die Kletterei ist etwas übersichtlich und nicht ganz leicht zu lesen, deshalb ist der erste Lösungsansatz oft nicht gleich der leichteste. Das macht die Bewegungen aber erst interessant und trickreich. Die eine oder andere Stelle könnte einem größeren Kletterer leichter fallen, aber auch kleinere finden hier einen Weg. Für den Abstieg ist es am sinnvollsten über eine der Touren von Pat Schwarzmann abzuseilen. Für die ganz wilden wäre da noch der verfallene Gamssteig.


Wer sich der Tour annimmt, den erwartet ein schönes Abenteuer.




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