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Fliegen – und was alles dazugehört


Also eigentlich muss ich den Titel von diesem Artikel gleich wieder diskreditieren. Mit allem, was dazu gehört kann man nämlich mehr als ein Buch füllen. Ich hoffe aber, ich kann dir hier einen Ein- und Überblick geben, was das Gleitschirmfliegen ausmacht und wie man zum (erfahrenen) Gleitschirmpiloten wird. Und wie das in unserem bürokratischen und äußerst genau geregelten Mitteleuropa so ist, geht alles mit dem Gleitschirmschein los.


Der Weg zur Pilotenlizenz


Gleitschirmfliegen ist der wohl einfachste Weg selbstständig als Pilot in die Luft zu kommen. Es ist der einzige Flugsport, bei dem der Pilotenschein nie verfällt, auch ohne Nachuntersuchung und Flugstunden (ob letzteres gut ist zweifle ich an…aber das ist meine persönliche Meinung). Der Weg zu einer Pilotenlizenz bei uns in der DACH-Region führt über eine Flugschule und ein paar Prüfungen, die vom jeweiligen Hängegleiterverband durchgeführt werden. Der Spaß beginnt in jeder Flugschule gleich. Und zwar am Übungshang, die ersten Flüge finden nämlich mit kaum Höhe statt, nur etwa 10 Meter über dem Boden.

Erste Flugmeter am Übungshang

Hier geht es hauptsächlich darum Starten zu lernen. Dazu werden die Schüler vom Fluglehrer, wie während der gesamten Schulungszeit, per Funk angeleitet. Step by Step, ganz ohne Waghalsigkeit geht es dann dahin. Runterfliegen, hochlaufen – ja, ein bisschen Sport ist auch dabei. Und natürlich auch Theorie. In vier Teilgebieten lernt man alles über Gerätekunde, Flugpraxis, Luftrecht und Wetter, was abschließend in der Theorieprüfung geprüft wird. Nach mindestens 15 Flügen am Übungshang – unabhängig von der Theorie – geht es dann an die Höhenflüge mit circa 500 Metern Höhenunterschied. Hier werden dann über 40 Flüge hinweg die grundlegenden Manöver geschult. Wichtig ist, seine eigene Lerngeschwindigkeit zu kennen und zu gehen und diese auch mit dem Fluglehrer zu kommunizieren. Eine gute Selbsteinschätzung ist schon hier, wie allgemein beim Fliegen sehr wichtig. Für zaghaftere Schüler gilt es aufzupassen nicht zu sehr in eine Abhängigkeit vom Funk und dem Fluglehrer hineinzurutschen, denn nach der Schule heißt es: selber fliegen. Also das Abnabeln nicht vergessen!

Nach 40 Flügen frühestens (60 in der Schweiz) kann dann vor dem Fluglehrer der Flug zur Bestätigung der Prüfungsreife abgelegt werden – das ist sozusagen ein Probeprüfung. Danach geht’s dann zur Prüfung und wenn da alles so gut geht wie bei der Probeprüfung, dann verlassen die Küken das Nest.

In der Schweiz befähigt die Lizenz (Brevet genannt) nach der ausgiebigeren Schulung schon zum Streckenfliegen. In Deutschland und Österreich muss dazu noch der B-Schein absolviert werden. D.h. noch eine Runde Theorie, Manöver und der Nachweis von genug Flügen, die über einen Abgleiter hinausgehen, dann geht es auch hier in die Ferne.




Die Disziplinen


Doch Streckenfliegen ist nicht die einzige erstrebenswerte Disziplin. Im Gleitschirmsport gibt es einen Haufen schöner und reizvoller Disziplinen, darum ist das Hobby ja auch vielseitig.

Unterschieden wird im groben in den Disziplinen:


· Hike&Fly

· Thermikfliegen

· Acrofliegen

· Streckenfliegen

· Dünensoaring

· Speedflying

· Tandemfliegen


Die Disziplinen sind oft kombinierbar, haben jedoch ihre eigenen Herausforderungen. Vor allem aber haben sie eine Sache gemeinsam: sie bringen allesamt viel Freude. Jeder Pilot sollte die Disziplin finden, die ihm am meisten liegt und ihm am meisten Freude bringt. Ich möchte als kleine Hilfe bei dieser Suche einige Seiten der jeweiligen Disziplinen aus meiner Sicht beschreiben.

Beim Hike&Fly steht der Weg zum Startplatz mit im Fokus, also der Aufstieg, die Bergtour, die Kletterei, was auch immer man machen möchte, um auf den Berg zu kommen. Und ganz wichtig, um nicht wieder runterlaufen zu müssen. Das ist wohl die erste Motivation, die die meisten Alpinisten zum Gleitschirmfliegen schubst. Der Hike&Fly lässt sich natürlich mit den meisten anderen Diszplinen kombinieren.

Dünensoaring, gemütliches Thermikfliegen am Abend und Tandemfliegen passt wohl am besten zu den Piloten, die es gerne entspannt haben und genießen möchten. Dünensoaren ist in der Regel nicht actionreich und auch den Tandempassagiere ist oft ein gemütlicher und ruhiger Flug besser als ein großer und langer. Hier gilt, wie oft, „weniger ist mehr“. Vor allem aber ein Thermikflug am Abend, bei flächigem, homogenen, nicht turbulentem Steigen, auch Magic Air genannt, ist recht einfach zu meistern und birgt auch vergleichsweise recht wenig Gefahren.

Der Schein mag trügen, aber wenig Gefahren, bzw. eine vergleichsweise niedrige Unfallzahl bietet auch das Acrofliegen. Acro ist super für alle, die den Prozess des Lernens gerne haben, genauso wie die Gesellschaft anderer Acropilot, der Acro Family. Was hier natürlich auch dazugehört ist der Reiz mit der Energie zu spielen, die im Fliegen steckt.

Noch etwas actiongeladener ist das Speedflying. Da der Reiz hier ist, möglichst nah am Boden zu fliegen, ist die Quote schwerer Unfälle natürlich recht hoch, allerdings hat hier der Pilot sehr viel seines Risikos selbst in der Hand. Ein enormer Adrenalinkick ist aber garantiert.

Wem all das noch nicht reicht, wer alle Herausforderungen, Genüsse und Eindrücke gleichzeitig will, der ist beim Streckfliegen richtig. Diese Disziplin fordert alle Skills, alle Sinne, Commitment, eine starke Psyche und gibt noch viel mehr zurück. Im Streckenfliegen lässt sich jeder Anreiz der anderen Disziplinen finden, ausüben oder kombinieren. Mehr dazu kannst du im Blogeintrag „Streckenfliegen – die Königsdisziplin für Gleitschirmpiloten“ nachlesen.


Kopfüber kommt beim Acro schon mal vor

Der winzige Flügel beim Speedflying


















Zu zweit genießen!

Gewaltige Aussichten beim Streckenfliegen



Fliegen ist Kopfsache


Bei vielen Sportarten kann man sich durch Kopfeinschalten verbessern und steigern. Doch bei nur wenigen ist das Teil des Fundaments, das man mitbringen muss. Fliegen gehört dazu. Je nach Disziplin sogar so intensiv wie beim Alpinklettern am Limit. Nur, dass man beim Fliegen kaum die Wahl hat, ob man das Niveau so hoch setzt oder nicht, denn der Kopf fliegt automatisch immer mit, andernfalls wird es gefährlich. Klar, wenn man nicht Streckenfliegen will und das weit, dann braucht man auch keine besonders dicke Nervenstärke. Aber ansonsten ist für jeden Handgriff ein klarer Kopf mit absolutem Fokus und höchster Kontrolle Voraussetzung. Funktionieren, auch in stressigen Situationen - das beginnt schon beim Start. Schon hier muss ein Plan bestehen für die ersten Momente, Sekunden und idealerweise Minuten des Fluges. Trotzdem muss der Pilot situativ und spontan auf die Entwicklungen reagieren können. Es entstehen dauernd neu viele Optionen, kleine Pläne aufgrund von Gegebenheiten während des Fliegens, zwischen denen dann entschieden werden muss und die dann teils parallel ablaufen. Alle Entscheidungen und Pläne tragen dabei dem Gesamtziel des Fluges bei, ob Strecke, eine Acrokür oder ein einfacher Abgleiter. Natürlich ist die Größe und Wichtigkeit, sowie oft der Zeitrahmen, in welchem die Entscheidung getroffen werden kann, doch eher unterschiedlich, je nach Disziplin. Aber Entscheidungen sind allgegenwärtig und sicherheitsrelevant.


Nervenstärke

Wichtig ist bei allem Entscheidungsdruck, der Beurteilung von Gefahren und der wilden Eindrücke und Herausforderungen trotzdem immer im sogenannten Eustress zu bleiben und nicht in den Distress zu fallen. Distress wirkt bei uns wie ein Generalalarm - ein Überlebensreflex - und löst Fluchtreaktion, Abwehrhaltung oder Schockstarre aus. Eustress hingegen setzt eine gesunde Menge Adrenalin frei, die bewirkt, dass die Zeit langsamer läuft und wir dadurch schnell und richtig reagieren können. Um im Eustress zu bleiben ist Nervenstärke wichtig – je nach Extreme der Flugsituation mehr oder weniger. Wer dem psychischen Druck eines Streckenflugs gewachsen ist, kann so in starker Thermik schnell reagieren und Klapper verhindern und gleichzeitig die Thermik für sich nutzen. Verfällt man aber in den Distress, so drohen krasse Fehlreaktionen, wie ein ungewollter Stall bei einem Klapper oder eine überstürzte, falsche Entscheidung, was zu großer Gefahr führen kann. Daher ist abermals eine gute Selbsteinschätzung und Selbstkenntnis wichtig, um richtige Entscheidungen zu treffen, auch für gemütliche Flüge. Falls du dir jetzt Sorgen machst, da Nervenstärke nicht so dein Ding ist, dann hab ich gute Nachrichten: Nervenstärke kann auch trainiert werden. Schritt für Schritt, vom kleinen ins große und von einfachen zu schweren Situationen und Flügen. Hierzu gibt es sogar Fachliteratur für Mentaltraining beim Fliegen.


Risikomanagement

Ein weiterer Teil der "Kopfsache", die geübt, gelernt und trainiert werden kann, ist Risikomanagement. Ein gutes Risikomanagement ist zugunsten einer sicheren Ausübung des Hobbies essentiell. Dabei können auch unterschiedliche Modelle aus anderen Bereichen angewandt werden, wie z.B.: Gefahr + Konsequenz + Maßnahmen = Risiko. Seine Risikobereitschaft sollte sich jeder Pilot vor dem Flug bewusst setzen. Die Kontrolle über das Risiko und die Bewertung in der jeweiligen Situation setzt dann eben eine gute Einschätzung der tatsächlichen Gefahr in Kombination mit einer guten Einschätzung der eigenen Fähigkeiten voraus. Das zu lernen und zu üben, um es letzten Endes dann besser und besser zu beherrschen, nennt man dann Erfahrung sammeln.




Strategie

Ich könnte noch sehr lange philosophieren über Aspekte beim Fliegen mit Kopf, wie zum Beispiel „Du fliegst nur soweit, wie du im Kopf bereits bist“ oder „man überspringt keine Schritte beim erlernen eines Acromanövers“, aber was mir schon noch wichtig ist ein wenig genauer zu beschreiben ist das strategische Fliegen. Nicht nur gute Streckenpiloten müssen strategisch fliegen. Ok, die fliegen besonders strategisch und bedenken viele Schritte und Möglichkeiten schon weit im Voraus, immer mit dem Ziel im Visier. Aber auch ein Hobbypilot, der nur ein oder zwei Stunden am Hausberg fliegt, sollte vorausschauend fliegen. Ausweichpläne müssen immer parat sein, das Wetter bleibt im Blick und auch wenn es kein übergeordnetes Ziel wie eine Strecke gibt, so ist da immer noch das Ziel einer sicheren Landung und das sogar an einem vorbestimmten Landeplatz. Auch bei so einem Flug müssen alle Entscheidungen schließlich und endlich zu diesem Ziel führen. Wer vor dem Fliegen noch kein Hobby oder keinen Sport ausgeübt hat, wo er oder sie die Psyche trainieren konnte, sollte er oder sie als Pilot besonderen Augenmerk darauflegen.


Der Weg zum erfahrenen Piloten


"Es ist noch kein Meister vom Himmelgefallen!" - ungeschickter Spruch beim Fliegen.

Wie du dir jetzt schon denken kannst, ist kein Pilot auch nur ansatzweise erfahren, wenn man aus der Flugschule kommt. Nein im Gegenteil, da geht das Lernen erst los! Durch den Austausch mit anderen Piloten, Fachliteratur und natürlich viel selber fliegen und ausprobieren, um Erfahrungen zu sammeln. Erst nach vielen, vielen Flugstunden, Starts und Landungen kann sich in einigen Sachen eine Art Routine einstellen. Wobei mir diese Wortwahl hier nicht gefällt, da jeder Flug anders ist und Routine damit nicht wirklich einen Platz in der Fliegerei hat, außer bei den Startvorbereitungen. Aber das ist gleichzeitig eine weitere schöne Seite des Fliegens, man lernt immer wieder etwas Neues dazu. Erfahrung ist damit im Flugsport sehr relativ, absolut am Ende wird nie jemand sein. Das ist ein schöner Gedanke für ein rundes Ende: Gleitschirmfliegen ist kein Hobby, dass man mal macht und dann wieder nicht mehr, das funktioniert nicht. Gleitschirmfliegen ist eine Lebenseinstellung, eine Passion, auf die man sich einlassen muss, die viel fordert, aber noch mehr zurückgeben kann. Gleitschirmfliegen ist das pure Leben und vor allem Freiheit!

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